Predigt von Marc Bommeli · 26. Februar 2024
Fühlst du dich oft von Regeln eingeengt oder kämpfst mit Gewohnheiten, die du eigentlich loswerden willst? Marc Bommeli nimmt dich mit in den Römerbrief und zeigt, warum Verbote oft das Gegenteil bewirken. Entdecke, wie du falsche Stempel ablegst und mit mehr Lockerheit in deiner wahren Identität lebst.
Teil der Serie Der Römerbrief
Bibelstellen: 2. Mose 20, 5. Mose 5, 1. Mose 3, Hesekiel 36, Römer 7,7, Römer 7,14-17, Römer 8,1, Römer 7,14-25
Es ist ein wirkliches Privileg, dass wir als Schweizer unsere Gesetze anpassen können, wenn sie uns nicht passen. Wenn ich ins Ausland gehe, informiere ich mich oft gar nicht gross. Man weiss dann gar nicht, was verboten und was erlaubt ist. Gesetze sind eigentlich dazu da, Grenzen aufzuzeigen. Wir haben jedoch den Drang, diese Grenzen immer ein bisschen zu überschreiten oder möglichst nah an sie heranzugehen.
Das beste Beispiel ist die 120er-Tafel auf der Autobahn. Eigentlich heisst das, dass man maximal 120 fahren darf, nicht mindestens 120. Bei Minderjährigen ist es ähnlich: Ein 14- oder 15-Jähriger hätte gerne ein Bier oder würde gerne rauchen. Ganz ehrlich, das machen sie oft nur, weil es nicht erlaubt ist. Das gibt dem Gesetz eine gewisse Anziehungskraft.
Letztens sassen wir um den Bürotisch. Ein Arbeitskollege hatte Playmobilfiguren auf dem Tisch. Die waren viel spannender als die Sugus, bis zu dem Moment, wo es hiess, der letzte Sugus gehöre ihm. Plötzlich waren die Playmobilfiguren egal und der Sugus stand im Zentrum der ganzen Pause. Plötzlich wird etwas attraktiv, was vorher gar nicht so attraktiv war.
So ist es auch mit dem Gesetz: Es zeigt auf, was man nicht machen darf, und macht genau das attraktiv. Wenn man von Dingen nicht spricht, existieren sie oft gar nicht. Im Studium suchten wir immer nach den Ticks der Dozenten. Mir fielen sie nie auf, bis Kollegen sagten: Dieser Dozent buchstabiert immer. Ab dem Moment musste ich im Voraus lachen, weil er ständig buchstabierte. Plötzlich bekommt man einen anderen Fokus. Oder wenn jemand zu dir sagt, du hättest eine grosse Nase. Plötzlich schaust du nur noch auf das Negative. Das Gesetz hat eine solche Anziehungskraft.
Das Gesetz macht uns eigentlich schuldig. Wenn die 120er-Tafel auf der Autobahn steht und wir mit 130 fahren, machen wir uns schuldig. Wenn es das Gesetz nicht gäbe, würden wir fahren, wie schnell wir wollen. Im Strassenverkehr ist das extrem. Auf der Autobahn sollte man eigentlich immer auf der rechten Spur fahren, nicht in der Mitte. Aber je besser man sich mit dem Gesetz auskennt, umso schuldiger wird man.
Ich dachte immer, ich kenne mich sehr gut aus mit dem Schweizer Strassengesetz, bis ich letztens eine Parkbusse bekam. Ich dachte, was ist los? Man muss jetzt einen QR-Code scannen. Da stand tatsächlich: Auf der linken Strassenseite parkieren ist nicht erlaubt. Je besser wir uns mit dem Gesetz auskennen, umso bewusster wird uns, was eigentlich falsch ist. So ist es auch mit dem Gesetz in der Bibel. Paulus schreibt im Römerbrief über das Gesetz, vor allem über die Zehn Gebote aus 2. Mose 20 oder 5. Mose 5. Ohne Gesetz gibt es keine Schuld.
Paulus fragt: Was heisst das nun? Ist das Gesetz Sünde?
«Das sei ferne! Aber ohne das Gesetz hätte ich nie erkannt, was Sünde ist. Auch die Begierde wäre nie in mir erweckt, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren!» (Römer 7,7)
Ist das Gesetz Sünde? Nein, sicher nicht. Aber es wirkt wie ein Mikroskop, das aufzeigt, wann wir etwas falsch machen. Das letzte der Zehn Gebote lautet: Du sollst nicht begehren. Die ersten neun sind Taten wie nicht lügen oder Vater und Mutter ehren. Aber das Begehren findet im Kopf oder im Herzen statt. Das ist mehr als nur eifersüchtig zu sein. Es ist Neid, Selbstmitleid, Unzufriedenheit und Nörgelei. Ich glaube, überall, wo wir anderen gegenüber schuldig werden, fängt es mit dieser Begierde an. Das ist die Motivation für die Sünde.
Das Gesetz zeigt uns die Grenze, und wir wollen sie möglichst überschreiten. Eigentlich sollte uns das Gesetz den Weg zum Leben zeigen, den richtigen Weg. Aber wir merken: Das, was eigentlich zum Leben führen sollte, bringt den Tod, weil wir den Weg verloren haben. Paulus fragt weiter: Hat nun das Gute mir den Tod gebracht? Auf keinen Fall! Schuld war die Sünde. Sie hat mir den Tod gebracht und das Gute dazu benutzt. Das Gebot brachte nur die Abscheulichkeit der Sünde ans Licht. Schuld ist nicht das Gesetz, schuld ist die Sünde.
Ich glaube, wir müssen Sünde etwas besser verstehen. Paulus redet nicht einfach nur von einzelnen Taten. Es geht um das Prinzip. Wenn du zum Beispiel Raucher bist und aufhörst zu rauchen, wird sich schnell die nächste Sucht entwickeln, wenn du nicht verstehst, was hinter der Sünde steckt. Die Sünde will uns zwei Stempel aufdrücken.
Der erste lautet: Du bist ein Sünder. Wenn wir Sünder sind, dann sündigen wir. Das wird uns böse aufgezwungen: Du bist Sünder, du musst sündigen. Wie bei einem Alkoholiker: Ein Alkoholiker muss Alkohol trinken. Aber das ist eine Lüge. Wir haben zwar Sünden, aber wir sind keine Sünder.
Der zweite Stempel lautet: Du bist Gott. Das ist der Moment, wenn man sagt, es sei nicht so schlimm, wenn man jedes Wochenende abstürzt. Wir denken, wir seien autonom, selbstbestimmt und frei. Schon im 1. Mose sagt die Schlange zu Eva: Gott weiss genau, dass euch die Augen aufgehen, wenn ihr davon esst. Ihr werdet wissen, was gut und böse ist, und ihr werdet sein wie Gott. Das ist die Lüge: Du bist wie Gott. Aber du bist nicht Gott. Du kannst nicht selbst bestimmen, was gut und was schlecht ist. Wir leben in einer Gesellschaft, die sagt: Mach doch, was du willst. Aber wir sind nicht Gott. Wir haben es immer noch nötig, gerettet zu werden, denn wir sündigen immer noch. Wir sind keine Sünder, aber wir sind auch nicht Gott.
Im Römerbrief macht Paulus etwas ganz Spezielles. Er schreibt:
«Wir wissen ja, dass das Gesetz vom Geist Gottes erfüllt ist. Ich dagegen bin vom Eigensinn erfüllt und werde von der Sünde beherrscht. Ich verstehe ja selbst nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht das, was ich will, sondern gerade das, was ich hasse. Wenn ich aber das tue, was ich gar nicht will, stimme ich dem Gesetz zu und heisse es gut. Dann aber bin ich nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die Sünde, die in mir wohnt.» (Römer 7,14-17)
Paulus wechselt hier plötzlich in die Ich-Perspektive. Im Griechischen verwendet er ein doppeltes Ich. Es geht um das Ego, um das Innerste, um die Identität. Es ist eine Identitätsfrage. Paulus sagt: Ich verstehe mich ja selber nicht. Ich weiss nicht, was mit meiner Identität abgeht. Ich bin kein Sünder, aber irgendwie sündige ich immer noch. Ich bin doch kein Sklave mehr der Sünde, aber ich tue es trotzdem. Das ist eine grosse Identitätsstörung, die wir alle kennen.
Er sagt: Dann bin nicht mehr ich es, der so handelt, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Das heisst nicht, dass du keine Verantwortung trägst. Du bist verantwortlich für deine Taten. Es ist ein komplexes Thema: Du bist nicht der Sünder, aber die Sünde lebt in dir. Du bist nicht das, was andere sagen. Wer sind wir denn? Wir sind Kinder Gottes. Deine Identität ist nicht Sünder, nicht Alkoholiker, nicht Raucher, nicht Opfer. Deine Identität ist Kind Gottes. Das heisst nicht, dass du nie Fehler machst, aber es ist nicht deine Identität.
Ein spannender Schlüsselpunkt ist, wenn Paulus sagt: Ich tue nicht das, was ich will, sondern gerade das, was ich hasse. Fange an, deine schlechten Gewohnheiten und deine Sünde zu hassen. Aber hasse nicht dich selber, denn du bist ein Kind Gottes.
Ich habe im Januar angefangen, Schwimmen zu lernen. Ich habe Tutorials geschaut und herausgefunden: Du musst locker bleiben. Wenn du dich verkrampfst, bist du nach 200 Metern tot und hast keine Luft mehr. Du musst locker bleiben. Das Gleiche gilt beim Schiessen oder wenn Kinder schreiben lernen. Wenn sie sich verkrampfen, funktioniert es nicht. Man muss locker bleiben.
Fange an, dich anzustrengen, aber überanstrenge dich nicht. In der Theologie heisst das Heiligung: Gott ähnlicher werden. Wir werden nie ganz wie Gott sein, aber wir können anfangen, ihm ähnlicher zu werden. Mit Anstrengung, aber auch mit einer gewissen Lockerheit. Du musst nicht unzählige Regeln aufstellen, sondern eine Quelle bauen. Fange an, dir diese Quelle bei Gott zu holen. Setze dich mit Gott auseinander. Je näher wir am Herzen Gottes sind, umso mehr stellen wir fest, dass wir es nicht verdient haben.
Am Ende von Römer 7 sagt Paulus: Ich unglückseliger Mensch! Gibt es denn niemand, der mich aus dieser tödlichen Verstrickung befreit? Doch, und dafür danke ich Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. In Römer 8 heisst es dann:
«Es gibt also kein Verdammnisurteil mehr für die, die ganz mit Christus Jesus verbunden sind.» (Römer 8,1)
Fange an, die Sünde zu hassen, aber höre auf, dich selber zu verdammen. Wir werden es aus eigener Kraft nicht schaffen. Es gibt kein Verdammungsurteil mehr für uns. Deine Identität ist nicht deine Sucht oder dein Fehler. Du darfst diese Dinge hassen, aber du bist ein geliebtes Kind von Gott. Es ist ein Kampf in dir: Deine Seele und dein Geist streben nach Gott, aber das Fleisch ist schwach. Doch es gibt kein Verdammungsurteil mehr für dich. Ich möchte dich ermutigen, diese Kämpfe mit der Sünde nicht nur für dich zu behalten, sondern sie zu teilen. Wir haben ein Ministry-Team hier, das sehr gerne für dich betet und dir zuspricht, dass du ein Kind Gottes bist.
Jesus, ich will dir danke sagen, dass du uns ein neues Herz geschenkt hast. Wir probieren nach deinem Gesetz zu leben, aber wir fallen immer wieder hin und verurteilen uns selbst. Vater, hilf uns, nicht uns selbst zu verurteilen, sondern die Sünde. Dass wir die Sünde immer wieder zu dir bringen und du sie wegnimmst. Danke, dass du gegenwärtig bist und uns immer wieder unsere neue Identität zusprichst: Du bist ein Kind Gottes. Amen.